![In den Wochen vor Chuseok verwandeln koreanische Supermärkte gewöhnliche Spam-Dosen in festliche Feiertagsgeschenke und arrangieren sie in Präsentationsboxen für Familien, Kollegen und Geschäftspartner. [Magazine Kave]](https://cdn.magazinekave.com/w900/q75/article-images/2026-09-04/fdb6d9cf-81f5-412c-bfab-90231ee82812.png)
Von Park Sunam
Wer als Ausländer in den Wochen vor Chuseok einen koreanischen Verbrauchermarkt betritt, stößt auf einen ungewöhnlichen Anblick. Die rechteckigen Spam-Dosen, die sonst in der Beilagenabteilung stehen, nehmen kurz vor dem Erntedankfest die prominentesten Plätze ein und werden in goldfarbenen Schachteln als hochwertige Geschenke präsentiert.
In den USA gilt Spam vor allem als billige und praktische Konserve. In Korea dagegen verwandelt es sich zu den Feiertagen in ein „richtiges Geschenk“, das Eltern, Verwandten und Arbeitskollegen überreicht wird.
Warum also schenken Koreaner zu Chuseok ausgerechnet Spam?
Die kurze Antwort lautet: nicht, weil Koreaner Spam für ein Luxusprodukt hielten. In den Spam-Geschenksets stecken Schicht für Schicht Krieg und Armut, die Bewunderung für Amerika, Industrialisierung, das Bedürfnis, an Feiertagen das Gesicht zu wahren, und der heutige Pragmatismus. In der Dose steckt Schinken, im Karton jedoch die moderne Geschichte Koreas.
Amerikas billiges Essen – in Korea ein seltener „Geschmack Amerikas“
Spam brachte 1937 der Fleischwarenhersteller Hormel Foods im US-Bundesstaat Minnesota auf den Markt. Weil sich das Produkt bei Raumtemperatur lagern und in großen Mengen transportieren ließ, wurde es im Zweiten Weltkrieg in großem Umfang als Verpflegung für die alliierten Streitkräfte geliefert. Nach offiziellen Angaben von Hormel wurden bis 1941 mehr als 100 Millionen Pfund Spam ins Ausland verschickt.
Der Krieg versah dieselbe Konserve mit völlig unterschiedlichen sozialen Etiketten.
Auf dem US-amerikanischen Festland galt Spam zunehmend als Kriegsration und billiges Arbeiteressen. In Korea und Hawaii hingegen, wo das US-Militär präsent war, blieb es eine schwer erhältliche Kostbarkeit.
Eine Studie der Yonsei-Universitätsforscherin Lee Yoo-jung, die 2025 in der Fachzeitschrift 《Forschung zu Weltgeschichte und Weltkultur》 erschien, verfolgt diesen Bedeutungswandel unter dem Blickwinkel der „Militarisierung von Spam“. Der Untersuchung zufolge bildete sich in Seoul bereits um 1946, nach der Befreiung, ein Schwarzmarkt für US-Militärgüter; nach dem Koreakrieg wuchs er rapide. Spam, der aus PX-Läden und den Versorgungsketten der US-Truppen abgezweigt wurde, war ein knappes Gut, zu dem nur Soldaten, Zwischenhändler und zahlungskräftige städtische Verbraucher Zugang hatten.
Oft heißt es, „Spam sei während des Koreakriegs nach Korea gekommen“. Genau genommen begann der Vertrieb jedoch bereits während der US-Militärregierung; der Koreakrieg sorgte dafür, dass das Produkt im ganzen Land bekannt wurde.
Dieselbe Dose wurde in den USA zu billigem Kriegsessen, in Korea dagegen zu einem Symbol für Wohlstand und Moderne. Damals bestimmte nicht die Qualität des Schweinefleischs den Wert von Spam, sondern die Frage, wer es überhaupt beschaffen konnte.
Diese Geschichte ist auch im Budae-jjigae erhalten geblieben. Der Eintopf aus Würstchen, Schinken und Dosenbohnen, die mit Gochujang, Kimchi und Knoblauch gekocht werden, ist nicht einfach ein Fusionsgericht. Er war eine Überlebensküche, die aus ausländischen Militärvorräten eine koreanische Mahlzeit machte.
Zwischen dem Fleisch aus dem Schwarzmarkt und dem Chuseok-Geschenkset lag jedoch noch eine weitere Entwicklung. Spam musste sich vom „Essen der US-Soldaten“ zur „Beilage der Koreaner“ verwandeln.
1987: Spam bekommt eine koreanische Identität als Reisbeilage
CJ CheilJedang schloss 1986 eine Technologiepartnerschaft mit Hormel und produzierte Spam ab 1987 im Inland. Unternehmensangaben zufolge belief sich die Verkaufsmenge im ersten Jahr der heimischen Produktion auf rund 500 Tonnen. Danach überholte Spam die bis dahin etablierten Luncheon-Meat-Produkte rasch.
Die entscheidende Veränderung bestand darin, Spam nicht als westlichen Schinken, sondern als Beilage auf dem koreanischen Esstisch zu etablieren.
Der 2002 eingeführte Werbeslogan „Eine Scheibe Spam auf warmem Reis“ brachte diese Strategie genau auf den Punkt. Das amerikanische Dosenfleisch, das man zwischen Brot legte oder neben einem Ei zum Frühstück servierte, wurde als salzige Beilage übersetzt, die auf weißem Reis liegt.
Das war keine bloße Übersetzung von Werbung. Ein ausländisches Lebensmittel wurde innerhalb der koreanischen Essensstruktur neu verortet – eine Art kulturelle Einbürgerung. Spam war nicht länger US-Militärware, die heimlich aus den PX-Läden abgezweigt wurde. Es war nun ein vertrautes Lebensmittel, das man im Laden um die Ecke kaufen, in Kimchi-Eintopf geben und einem Kind zu einer Schüssel Reis servieren konnte.
Bis zum ersten Halbjahr 2024 überstieg die kumulierte Verkaufsmenge seit Beginn der heimischen Produktion 2,07 Milliarden Dosen. Spam hatte sich von einem knappen Gut aus der Zeit des Koreakriegs zur „nationalen Beilage“ entwickelt.
Wie aber wurde aus der nationalen Beilage ein Feiertagsgeschenk?
Das begehrteste Geschenk jener Zeit war ein sechs Kilogramm schwerer Sack Zucker
Feiertagsgeschenke zeigen stets, was in ihrer Zeit kostbar ist.
In Korea waren in den 1950er- und 1960er-Jahren Lebensmittel wie Zucker, Mehl und Würzmittel beliebte Geschenke. Heute würde man sie achtlos in den Einkaufswagen legen; unmittelbar nach dem Krieg waren sie jedoch wertvolle Güter, die die Ernährung einer Familie tatsächlich verbesserten.
Der Geschenkkatalog, den das Kaufhaus Shinsegae vor Chuseok 1965 herausgab, enthielt 96 Produkte. Ein sechs Kilogramm schwerer Sack Zucker galt damals als hochwertiges Geschenk. Es war eine Zeit, in der Zucker als süßeste Form galt, Zuneigung auszudrücken.
Mit dem Beginn des Wirtschaftswachstums in den 1970er-Jahren wandelten sich die Geschenke von Grundbedarf zu Genussartikeln. Süßigkeiten, Kosmetik, Oberhemden und Instantkaffee kamen hinzu. Mitte bis Ende der 1980er-Jahre rückten Thunfisch- und Schinkenkonserven ins Zentrum der Feiertagsgeschenke.
Auch eine Untersuchung der Forscherinnen Kim Ye-ji und Jeong Ra-na, die Zeitungsartikel über Lebensmittelgeschenke zu Feiertagen von 1930 bis 2022 per Text Mining auswertete, bestätigt, dass der Wandel der Geschenke eng mit den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und den Veränderungen im Konsumbewusstsein der jeweiligen Zeit verbunden war.
Das Spam-Geschenkset ist daher keine plötzlich aufgetauchte, eigentümliche koreanische Sitte. Es steht in der Tradition von Lebensmitteln, die den Alltag etwas reichhaltiger machten – eine Entwicklung von Zucker über Würzmittel und Kaffee bis hin zu Konserven.
Stellt man koreanische Feiertagsgeschenke chronologisch auf, entsteht ein kleines Museum der Wirtschaftsgeschichte.
Zucker steht für die Zeit des Mangels, Kaffee für den Beginn der Konsumgesellschaft und Spam für Industrialisierung und den Aufstieg der Mittelschicht. Das jüngere Hanwoo-Rindfleisch, Nahrungsergänzungsmittel und mobile Geschenkgutscheine erzählen von einem heutigen Korea, in dem Gesundheit, persönliche Vorlieben und Bequemlichkeit wichtiger geworden sind.
Das Geheimnis von Spam: „Der Karton wahrt das Gesicht, der Inhalt ist praktisch“
Der pragmatischste Grund dafür, dass Spam-Geschenksets über Jahrzehnte Bestand hatten, ist, dass sie Geber und Empfänger zugleich zufriedenstellen.
Wer ein Geschenk macht, braucht eine Verpackung, die nicht ärmlich wirkt, und eine Marke, die jeder kennt. Der Empfänger braucht etwas, das er nicht wegwerfen muss, sondern tatsächlich verwenden kann. Spam erfüllt beide Bedingungen genau.
Die goldfarbene Verpackung und die ordentlich aufgereihten Dosen verleihen dem Geschenk gesellschaftliche Angemessenheit. Der Inhalt wiederum lässt sich lange bei Raumtemperatur lagern, ist einfach zuzubereiten und kann auf mehrere Mahlzeiten verteilt werden.
Kurz gesagt:
Der Karton wahrt das Gesicht, die Dose ist praktisch.
Diese Erklärung deckt sich auch mit der Konsumforschung. Einer Studie zum Schenkverhalten im 《Journal of Consumer Research》 zufolge legen Schenkende vergleichsweise großen Wert auf abstrakte Werte wie Attraktivität und Besonderheit, während Empfänger eher auf Benutzerfreundlichkeit und praktischen Nutzen achten. Die Studie untersucht nicht direkt Spam, liefert aber einen hilfreichen Hinweis darauf, warum praktische Lebensmittelgeschenke so lange Bestand haben.
Auch eine Umfrage der Koreanischen Industrie- und Handelskammer unter 1.000 erwachsenen Verbrauchern aus dem Jahr 2024 zeigte, dass das Preis-Leistungs-Verhältnis für alle Altersgruppen das wichtigste Kriterium bei der Auswahl eines Chuseok-Geschenks war. 68,2 Prozent nannten es. 55,4 Prozent gaben an, pro Geschenk höchstens 50.000 Won ausgeben zu wollen.
Bei den bevorzugten Produktgruppen lagen Früchte mit 43,8 Prozent an erster Stelle, gefolgt von Nahrungsergänzungsmitteln mit 32,4 Prozent und Fleisch mit 30,5 Prozent. Verarbeitete Lebensmittel, zu denen Spam und Thunfisch zählen, kamen mit 22,2 Prozent auf Rang vier. Verarbeitete Lebensmittel sind damit zwar nicht mehr mit Abstand die beliebteste Kategorie, werden aber weiterhin von mehr als einem von fünf Befragten bevorzugt.
Nach Angaben von CJ CheilJedang entfielen 2024 58 Prozent des jährlichen Spam-Absatzes auf Seollal und Chuseok. Die Zahlen stammen zwar aus den Verkaufsdaten des Unternehmens, doch eines ist klar: Die Verbindung zwischen Spam und den koreanischen Feiertagen ist mehr als ein bloßer Eindruck.
Geschenke verpacken keine Gegenstände, sondern Beziehungen
Wer die Beliebtheit von Spam allein mit dem Preis-Leistungs-Verhältnis erklärt, liegt nur zur Hälfte richtig.
Professor Kim Dong-no von der Yonsei-Universität betrachtet Geschenke in einer 2024 im 《Korea Journal》 veröffentlichten Studie zum Schenken nicht als bloße Weitergabe von Gegenständen. Geschenke seien soziale Handlungen, die Vertrauen und Zusammenhalt, gegenseitige Anerkennung und die Erwartung einer Gegengabe schafften, schreibt er. Ein Wert von Beziehungen, der sich nicht auf einem Preisschild ausdrücken lässt, wird dem Gegenstand hinzugefügt.
So verhält es sich auch mit den koreanischen Feiertagsgeschenken. Ein Chuseok-Geschenk signalisiert: „Ich habe dich nicht vergessen.“ Zugleich ist es ein stiller Gruß und das Versprechen, die Beziehung fortzuführen.
Ein übermäßig teures Geschenk kann den Empfänger unter Druck setzen, ein zu billiges hingegen lieblos wirken. Ein Spam-Geschenkset ist an dieser heiklen Grenze eine vergleichsweise sichere Wahl. Die Preisspanne ist breit, nur wenige kennen die Marke nicht, und die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass jeder in der Familie etwas damit anfangen kann.
Es ist nicht so teuer wie Hanwoo-Rindfleisch, wirkt aber auch nicht so belanglos wie eine Tüte Instantnudeln. Es ist weniger unverblümt als Bargeld und birgt ein geringeres Risiko als Kosmetik oder Alkohol, bei denen die persönlichen Vorlieben stärker ins Gewicht fallen.
Spam hat nicht überlebt, weil es das „beste Geschenk“ wäre. Treffender ist: Es hat überlebt, weil es ein Geschenk ist, mit dem man nur selten falschliegt.
Aus Militärverpflegung wird Pokémon
Zu Chuseok 2026 erfindet sich Spam erneut.
CJ CheilJedang hat für das diesjährige Chuseok insgesamt 260 Geschenkset-Varianten auf den Markt gebracht. Die Spam-Sets verbinden geistiges Eigentum von Figuren wie Kakao und Pokémon mit dem Produkt und enthalten Schlüsselanhänger und Aufkleber. Damit zielen sie auch auf den „Spaß am Sammeln“ junger Verbraucher.
Dass eine Konserve, die einst auf dem Schwarzmarkt für US-Militärwaren gehandelt wurde, mehr als 80 Jahre später mit Pokémon-Figuren bekleidet als Feiertagsgeschenk verkauft wird, ist gleichermaßen befremdlich und symbolträchtig.
In der Zeit der Armut war Spam schwer erhältliches Fleisch, im Zeitalter der Industrialisierung ein Symbol für Wohlstand und Moderne. Heute ist es ein Produkt, das Preis, Bequemlichkeit, Marke und Unterhaltung in einer Schachtel bündelt.
Mit jeder Zeitenwende veränderte sich auch die Bedeutung von Spam. Eines aber blieb: das Versprechen, den Tisch eines Menschen ein wenig reichhaltiger zu machen.
Warum schenken Koreaner also zu Chuseok Spam?
Auf der offiziellen US-Website von Hormel werden als Zutaten von Spam Classic Schweinefleisch und Schinken, Salz, Wasser, Kartoffelstärke, Zucker und Natriumnitrit aufgeführt.
In koreanischen Chuseok-Geschenksets steckt jedoch noch eine weitere Zutat, die nicht auf dem Etikett steht.
Geschichte.
In derselben Schachtel liegen die Erinnerung an den Pazifik, den US-Soldaten im Krieg überquerten, die Armut jener Zeit, in der man neidisch auf die Waren aus den PX-Läden blickte, die Generation, für die weißer Reis und Fleischbeilagen Wohlstand bedeuteten, die Angestellten des industrialisierten Korea, die bei der Heimkehr in die alte Heimat mit beiden Händen voller Geschenke ankamen, und die heutigen Verbraucher, die auf Zweckmäßigkeit und Preis-Leistungs-Verhältnis achten.
Koreaner schenken zu Chuseok nicht allein deshalb Spam, weil Dosenfleisch ein hochwertiges Lebensmittel wäre. Sie schenken es, weil sich darin das zusammenpresst, was die koreanische Gesellschaft über lange Zeit unter „Wohlstand“ verstanden hat – in der kleinsten und stabilsten Form.
Öffnet man den Deckel, kommt Schinken zum Vorschein.
Doch wer die Schachtel wirklich öffnet, findet darin 80 Jahre koreanischer Geschichte.
Wichtige Quellen und Recherchematerial
Lee Yoo-jung, 〈The Militarization of SPAM and the SPAM of Militarization: Postwar Culture and SPAM as War Material in the 1940s–50s〉, 《Forschung zu Weltgeschichte und Weltkultur》, Nr. 77, 2025, DOI 10.32961/jwhc.2025.12.77.229.
Kim Ye-ji und Jeong Ra-na, 〈Lebensmittelgeschenke zu Feiertagen im Wandel der Zeit: Eine Text-Mining-Analyse〉, 《Forschung zum Gastgewerbemanagement》, Bd. 26, Nr. 4, 2023, DOI 10.47584/jfm.2023.26.4.239.
Kim Dong-no, „The Politics of Gift-Giving and Diplomatic Gifts in Traditional Korea“, 《Korea Journal》, Bd. 64, Nr. 2, 2024.
Ernest Baskin et al., „Why Feasibility Matters More to Gift Receivers than to Givers“, 《Journal of Consumer Research》, Bd. 41, Nr. 1, 2014.
Koreanische Industrie- und Handelskammer, 〈Analyse der Umfrage zu den Kaufabsichten für Chuseok-Geschenke〉, 2024.
Hormel Foods, Offizielle Markengeschichte von SPAM.
Korea JoongAng Daily, „Thanks for the Spam: The Curious Case of Korea’s Holiday Hampers“, 2025.
CJ CheilJedang, Materialien zu den Chuseok-Geschenksets 2026, 1. September 2026.

